Interview: Anja Koch

osteopathieMit Osteopathie heilen
Über die Stärkung der Selbstheilungskraft durch Osteopathie.
 


Corinna Benzin: Was ist Osteopathie?

Anja Koch: Osteopathie ist eine manuelle Therapie, die Ende des 19. Jahrhunderts vom amerikanischen Arzt A. T. Still entwickelt wurde. Er ging davon aus, dass der Körper eine Einheit bildet. Einzelne Körperstrukturen und Organe werden also nicht isoliert betrachtet. Alles beeinflusst sich gegenseitig und der Osteopath möchte herausfinden, welche Beeinflussung zu Beschwerden führt. Weiter ist der Körper laut Still ununterbrochen darum bemüht, sich selbst zu heilen.

osteopathie2In der Osteopathie versuchen wir, die Selbstheilung zu unterstützen, indem wir Bewegungsverluste in verschiedensten Strukturen des Körpers lösen.
Alle sich gut bewegenden Körperanteile werden nämlich besser durchblutet und deren Schlackenstoffe vermehrt abtransportiert, sodass sie nicht wirklich krank werden können. Diese Arbeit geht weit über Muskeln und Knochen hinaus. So werden beispielsweise bei jedem Atemzug auch unsere inneren Organe ständig mitbewegt und es ist sehr wichtig, dass dies ungehindert geschehen kann.
 
 
Eine „unbewegliche“ Leber kann z.B. Schulterschmerzen verursachen.
Man könnte sagen, die Osteopathie nimmt die Steine aus dem Flussbett, damit die Selbstheilungskraft wieder fließen kann.

Mit Osteopathie nicht Krankheit heilen, sondern Gesundheit finden

Gibt es verschiedene Schwerpunkte in der Osteopathie und wenn ja, welcher ist Ihrer?

Die Osteopathie lässt sich in drei Bereiche unterteilen: die parietale (im Bereich des Bewegungsapparates), die viszerale (innere Organe betreffend) und die kraniosakrale Osteopathie. Diesem dritten Bereich, in dem ich mich viel bewege, liegt die Idee zu Grunde, dass alle Schädelknochen zueinander beweglich sind und in Beziehung zum Kreuzbein, dem Zentralen Nervensystem und den Hirnhäuten stehen.

babymassage1Ich arbeite viel mit Kindern und Säuglingen und bei diesen sehr viel über Bindegewebsstrukturen.
 
Das sind z.B. die Umhüllungen der Muskeln, Knochen und Organe (auch Hirnhäute), die von den Füßen bis zum Kopf alle miteinander verbunden sind. Dort erspüre ich Spannungen, versuche das Bindegewebe wieder in Balance zu bringen und habe so Einfluss auf den gesamten Körper. Insgesamt ist das eine sehr sanfte Arbeit, die manchmal wie reines Handauflegen aussieht.
 
Ich lehne mich bei meiner Arbeit sehr an die Prinzipien der Biodynamischen Osteopathie an. Sie orientiert sich an der Bewegung, die embryologisch entstanden ist: alles, was wächst, tut dies nach einem bestimmten Muster, in einer bestimmten Bewegungsrichtung. Dieses Muster kann man als Blaupause verstehen. Dort ist quasi hinterlegt, was für genau diesen einen Menschen Gesundheit bedeutet. Ganz nach dem Prinzip der Salutogenese, die danach sucht, wie Gesundheit entsteht und wie man sie fördern kann. A. T. Still selbst hat gesagt: „Wir wollen nicht Krankheit heilen, sondern Gesundheit finden.“

Vielseitige Anwendungsgebiete

Bei welchen Beschwerden ist eine osteopathische Behandlung sinnvoll?

Osteopathie kann sehr vielseitig eingesetzt werden: bei Problemen im Bewegungsapparat, wie z.B. Rückenschmerzen, Skoliosen, Bandscheibenvorfällen, bei Störungen der inneren Organe, wie z.B. Verdauungsstörungen, Magenschleimhautentzündungen, Nierenproblemen, aber auch bei Schwindel, Migräne und Tinnitus und Beschwerden aus dem zahnheilkundlichen Bereich, wie etwa Kiefergelenksbeschwerden und Zähneknirschen. Nicht zu vergessen bei Kindern bei z.B. ADS/ADHS, Koliken und Entwicklungsstörungen.

Wie viele Behandlungen sind grundsätzlich nötig?

Bei akuten Beschwerden ist normalerweise schon nach der ersten Behandlung eine positive Veränderung zu spüren und besonders bei Kindern können drei Behandlungen durchaus ausreichen, um eine nachhaltige Verbesserung zu erreichen. Bei chronischen Erkrankungen, wie z.B. aus dem rheumatischen Formenkreis, kann Osteopathie sehr gut begleitend angewandt werden und dann aber eher alle 8 Wochen und dafür über längere Zeit.

Osteopathie ist auch vorbeugend sinnvoll

Kann auch vorbeugend osteopathisch behandelt werden?

Ja und das ist auch sehr sinnvoll! Denn wenn sich Symptome zeigen, dann trägt der Körper schon lange Zeit etwas mit sich herum, was er bis dato alleine kompensiert hat. Und wenn man nun behandelt, bevor sich Symptome zeigen, wird der Körper frühzeitig in seiner Regulation unterstützt und Schlimmeres verhindert.

Der Körper entscheidet selbst, an welchen „Baustellen“ er zuerst arbeitet. Manchmal passiert es, dass man an einer Stelle arbeitet und sich an einer anderen Stelle etwas verändert, was erstmal überraschend ist. Aber letztendlich bestätigt das nur, dass durch Osteopathie die Selbstheilung unterstützt und aktiviert wird. Je länger ich dabei bin – ich habe 1994 mit der Osteopathie begonnen -, desto mehr lerne ich, wie wichtig es ist, sich selbst zurück zu nehmen, eher weniger zu machen und den Patienten und seine eigene Kraft zu respektieren.

Wie man einen qualifizierten Osteopathen findet

Woran kann ich erkennen, dass ich bei einem Osteopathen in guten Händen bin?

Ich würde immer fragen, welche Ausbildung jemand gemacht hat und wie lange er schon praktiziert. Eine ernsthafte berufsbegleitende Ausbildung erstreckt sich über 5-7 Jahre. Die Bezeichnung „Osteopath“ ist in Deutschland nicht geschützt und die Ausbildung noch nicht staatlich anerkannt, sprich: bisher nicht gesetzlich geregelt.
Es besteht die Möglichkeit, sich vom Verband der Osteopathen Deutschland (VOD) eine Adressliste von Osteopathen in der eigenen Region schicken zu lassen. Man muss allerdings wissen, dass nicht alle qualifiziert ausgebildeten Osteopathen automatisch Mitglied in diesem Verband sind. Genauso gut kann man sich aber auch Empfehlungen von Menschen geben lassen, denen man vertraut.

Vielen Dank, Frau Koch, für dieses Gespräch!
 
Fotos: istockphoto.com